Sozialhilfe - nein danke ?!

Sozialhilfe? Jugendamt? - oh je!! Das hat doch gleich was Anrüchiges, die Vorurteile sind schon vorpgrogrammiert!

So bleibt es nicht aus, dass ich mich - nachdem ich nun tatsächlich schon bald 15 Jahre bei "dem Verein" tätig bin - immer wieder rechtfertigen muss:
"Die Sozialhilfeempfänger sind alle faul und wollen gar nicht arbeiten." 
"Mit den Pennern wollte ich nichts zu tun haben."
"Das Jugendamt nimmt den Eltern ihre Kinder weg. Völlig grundlos, wie man im Fernsehen doch immer wieder sehen kann!"

Aus der Praxis kann ich sagen, dass an diesen Sprüchen nicht viel dran ist. Die Arbeit im Büro ist auch nicht langweilig und trocken, Beamte schlafen nicht im Büro, und "Bamtenmikado" kenne auch ich  nur von den einschlägigen Witzen..

Ganz vereinfacht ausgedrückt war ich in meinen ersten 10 Jahren dafür da, dass die Leute, die Sozialhilfe bekommen können, auch tatsächlich ihr Geld kriegen -und zwar in der richtigen Höhe, die von Fall zu Fall berechnet wird, je nach Größe der Familie, ob sie noch andere Einkünfte hat oder nicht, wie viel Miete sie bezahlen muss etc. 
Ich beriet die Leute, reichte auch manchmal ein Taschentuch, nahm den Antrag entgegen, forderte alle möglichen Unterlagen an (die Leute müssen wirklich finanziell alles offenbaren - und erst wenn sie so gut wie nichts mehr haben, können sie Sozialhilfe bekommen) - und wenn das Geld fließt, musste ich in den meisten Fällen hinterher sein, dass die "Kunden" so schnell wie möglich eine Arbeit fanden und wir sie -und auch sie mich und die Sozialhilfe! - wieder los hatten!
Ich hatte viele allein Erziehende mit Kindern unter meinen ca. 50 zu bearbeitenden Fällen, dazu Rentner, deren Rente nicht reichte, Behinderte, Kranke, größere Familien...treffen kann es beinahe jeden - und die Geschichten von Lügnern und Betrügern, die sich die Soziahilfe erschleichen, gibt es zum Glück ganz selten - sonst würde ich auch nicht mehr in diesem Amt arbeiten! 

Man konnte sich auf meinem Arbeitsplatz eine gute Portion Menschenkenntnis aneignen. Jeder Mensch und damit jeder "Fall" ist anders, und Einfühlungsvermögen war ebenso gefragt wie manchmal Knallhart-sein-Können, alles zu seiner Zeit und je nach Einzelfall.

Neben der Sozialhilfe war ich auch für wirtschaftliche Jugendhilfe zuständig. Ich sorgte dafür, dass die Kinderheime und ähnliche Einrichtungen ihr Geld für die Betreuung und Erziehung der einzelnen Kinder und Jugendlichen bekamen.
In den meisten Fällen sind die Eltern übrigens damit einverstanden, dass ihre Kinder in ein Heim o.ä. kommen! Der Kontakt bleibt weiterhin bestehen, und die Eltern beteiligen sich an den Kosten, zumindest müssen sie es in aller Regel. Meine Aufgabe war, auszurechnen, in welcher Höhe und das Geld von den Eltern zu fordern.

In Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern, die auch vor Ort mit den Eltern und Kindern zu tun haben, erfährt man schon einiges über so manch "kaputte Verhältnisse", auch mal Missbrauch in den Familien, Drogen, Alkohol etc. 
Irgendwann kommt der Punkt, wo man ganz schön dankbar dafür ist, in so "geordneten Verhältnissen" so behütet aufgewachsen zu sein - an dieser Stelle möchte ich meinen Eltern für diese echte Arbeit mit ihren 4 Kindern danken!

Das Jugendamt soll auf jeden Fall "für das Wohl des Kindes" sorgen.  Manchmal sind die Eltern nicht fähig, eine geordnete Erziehung zu leisten - oder sie sind mit dem Kind überfordert, beides ist möglich - in vielen tausend Varianten. 
Da hatte ich also auch so meine 80 Fälle zu betreuen.

Ich schätze an meinem Beruf, dass wir so viel mit Menschen zu tun haben, und zwar wirklich an der "Basis" - es geht um deren Existenz, um ihr Leben. Ich hatte somit immer das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen und freute mich, wenn ich wieder eine Akte zumachen konnte, weil der- oder diejenige finanziell wieder auf eigenen Füßen stand.

Mein Hobby PC hat jedoch irgendwann seine Kreise gezogen: Ich wechselte im Februar 2003 die Abteilung innerhalb des Sozialamtes. Nun zahle ich nicht mehr die Sozialhilfe aus, sondern versuche, Geld von all den Anghörigen zu fordern, die den Sozialhilfeempfängern gegenüber eigentlich vorrangig zum Unterhalt verpflichtet wären, ein anderer Blickwinkel sozusagen. Außerdem - und das war das Reizvolle für mich an dem Stellenwechsel - stieg ich in die EDV-Systembetreuung ein! Hier versuche ich nun, all meinen Kolleginnen und Kollegen zu helfen, wenn sie aus irgendeinem Grund bei der Anwendung des Programmes nicht weiter kommen, pflege Parameterdateien und bin Systembetreuerin für das Jugendhilfeprogramm.

In Zeiten von Hartz IV hat sich auch in unserem Sozialamt einiges geändert, es gibt im Landkreis eine ARGE, die für die Auszahlung des Arbeitsosengeldes II zuständig ist, und viele müssen sich seitdem dorthin wenden und nicht mehr an das Sozialamt, das "nur" noch für Menschen zuständig ist, die nicht mehr als drei Stunden täglich arbeiten können oder älter als 65 sind. Dennoch behält das oben Gesagte in weiten Teilen seine Gültigkeit.

Dies kann nur ein kurzer Abriss sein, die Praxis sieht natürlich etwas komplexer aus, wie in jedem Job...
wenn Ihr noch mehr wissen wollt, e-mail genügt.

Abschließend möchte ich mit den Worten von Kristiane Allert-Wybranietz zum Thema Beruf noch Folgendes anmerken:

       "Viele sind beruflich erfolgreich
        gesellschaftlich erfolgreich,
        sie sind erfolgreich altersversorgt
        und weiterhin sowieso 
                 auf Erfolgskurs.
        Und doch sind sie 
        Bankrotteure
        in Sachen Gefühl."

So möchte ich nicht enden.

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